Das Leben des Eventmuckers…

//Das Leben des Eventmuckers…
  • Eventmucker und das Musikerleben

Das Leben des Eventmuckers…

oder „The loneliness of the long distance runner“….

Hach ja, eine der wohl häufigsten Sätze, die man als Hauptberuflicher Musiker zu hören bekommt (neben „Ach?…Davon kann man leben???“) ist natürlich: „DEIN Leben möchte ich auch haben…Du hast ja immer Party!!!“

In meinen ersten Jahren entgegnete ich dem ganzen noch mit einem müden „Wenn Du wüsstest“. Mittlerweile ist aus dieser lapidaren Fomulierung eher sowas wie ein leidenschaftliches Plädoyer für meinen Berufststand und gegen die falsche Wahrnehmung eben dessen im Auge der Öffentlichkeit geworden. Ein Eindruck, der sich natürlich dem Otto-Normal-Menschen/Beobachter aufdrängt, ist der des immer gut gelaunten Partyclowns, des extrovertierten Witzebrunnens und energiegeladenen Entertainers. Das es sich hierbei um eine Art „Autopilot“ handelt, kann der Pöbel natürlich nicht ahnen. Oder ist es so?

Musiker und ihre Guitarre

Musiker sind meistens zwar total emotional und geheimnisvoll im Dialog mit der rassigen Schönheit an der Bar, aber auf eine ausgefuchst oberflächliche Art und Weise, die nahezu poetischen Tiefgang suggeriert, letztlich aber nur die tatsächliche Spitze des Eisbergs preisgibt, die in der Summe das Musikerdasein darstellt. Heute räume ich mit diesen Paradigmen auf und lass zumindest ansatzweise die Hosen runter. (bildlich gesprochen)

Vor nicht allzulanger Zeit gab ich für den Britischen Gitarreverstärkerhersteller „Marshall“ einen Workshop zu einem neuem Model im tiefsten Süden Deutschlands.

Als ich beim anschliessenden, verdienten und extrem leckeren Dinner mit dem Aussendienstler des Deutschen Vertriebs, sowie eines weiteren Mitarbeiters nebst Begleitung in süffisanter Weinlaune über das Leben sinnierte, kamen wir auf eben dieses Thema und die Idee für den heutigen Blog wurde geboren.

Auf meinen Reisen lerne ich unheimlich viele Leute kennen, deren Identitiät aber nach wenigen Tagen in einem verschwommenen Wirrwarr aus Eindrücken und Gesrächsfetzen in den tiefsten Tiefen des Kurzzeitgedächtnisses verschwindet. Aber ab und an, wenn man wirklich mal runterkommt und auch keinen Zeitdruck hat, ergibt sich eine Gelegenheit in der man plötzlich in den urkomischsten Zusammenstellung aus unterschiedlichen Menschen seine Maske ablegt und einfach mal aus dem Nähkästchen und seiner wahren Gefühlswelt plaudert.

So geschah es auch diesen Abend. Was ein guter Einstieg ist, wenngleich auch schockierend, ist folgende Aussage:

„Musiker sind keine Freunde !!!!“ BUMMS….

Sacken lassen – leider wahr. Auch ich habe Jahre gebraucht, bis sich diese Erkenntnis als unumstößlicher Fakt bei mir manifestiert hat. Damit will ich nicht etwa sagen, dass Musiker schlechte Menschen sind, nein. Im Gegenteil. Die meisten Musiker sind sehr sensible, beinahe hypersensible Zeitgenossen. Aber:

Eventmusikerin

Wir leben ein völlig anderes Leben als der Durchschnittsmensch. Da wir uns in Deutschland befinden sage ich einfach „als der Durschnitts-Deutsche“. Man lädt uns wie alle anderen normalen Menschen zwar ständig zu Partys, Geburtstagen, Hochzeiten etc ein. Aber leider können wir in den seltensten Fällen einfach nicht, da wir irgendwo in Buxtehude auf der Bühne stehen müssen.

Selbst beim engeren Freundeskreis trifft dieser Fakt irgendwann auf Unverständis und Resignation. Mit dem Ergebnis, dass der einst so vielschichtig besetzte Freundeskreis sich peux a peux ausdünnt. Was bedeutet das für den Musiker?

Richtig….man ist ja ständig mit seinen Muckerkumpels unterwegs und projeziert seine zwischenmenschlichen Sehnsüchte und Belange auf die „Zweitfamilie“, wie ich sie so gern nenne. Und das meine ich auch so. Jedesmal, wenn man aufeinandertrifft, ist es herzlich und warm. Wirklich wie bei einem seltenen Familienfest. Es werden Nettigkeiten ausgetauscht und Anekdötchen aus dem Touralltag mit Künstler xy. Man trinkt zusammen ein leckeres Glas Wein und lacht und hat Spaß.

Das Publikum feiert dich, doch im Hotelzimmer bist du ganz einsam

Diesen Funken nimmt man dann noch mit auf die Bühne. Man wirft sich die musikalischen Bälle zu und hat eine Art intime Beziehung zueinander, die bisweilen sogar sehr intensiv ist, da gemeinsam musizieren auch viel mit „sich einander öffnen“ zu tun hat. Man bildet eine Einheit, wie sie sonst im Leben schwer zu finden ist. Also, im besten Fall. Ich hatte auch schon musikalische Erlebnisse wo das miteinander Musikmachen eher einem gelangweilten Quickie ähnelte als ein Feuerwerk der Leidenschaften. Aber Gott sei Dank, bin ich mittlerweile da angekommen, wo das eher die seltene Ausnahme ist.

Auf der Bühne bist du der King

Mit also diesem überschwenglichen Gefühl beladen, geht man gemeinsam von der Bühne, klopft sich auf die Schulter und (selten) nimmt man noch einen Drink zusammen und lässt den gemeisamen Abend Revue passieren. Aber Wunder oh Wunder… dann wars das. Spätestens ab dem Moment in dem man im Zug nach Hause sitzt, ist diese seltene Liason, diese tiefgründige Freundschaft auf Standby, wenn nicht sogar ausgelöscht.

Keine „Hey, lass mal n Bier trinken gehen, wenn wir nicht auf der Bühne stehen“ oder „Wie gehts dir eigentlich, Alter“ SMS oder Anrufe. Man schliesst die Haustür zu seiner Wohnung auf und ist allein.
Aber so richtig allein….

Selbst, wenn man irgendwie den Drang nach Aktivitäten verspürt, so ist da niemand, mit dem man sie ausleben könnte. Manche haben das Glück eine Beziehung zu führen, was schon schwierig genug ist in unserem Berufsstand, manche aber eben nicht. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. Ich hab auch wahre Freunde in der Muckerszene gefunden, aber trotzdem bekomme ich diese fast ausschliesslich beim Arbeiten zu Gesicht. Mit anderen Worten: Einer der nach außen hin wohl geselligsten Berufe ist, ist in Wahrheit einer der einsamsten überhaupt. Und das ganze mit emotionalen Achterbahnfahrten von einen Moment auf den Nächsten.

Partnerschaft bei Musikern bleibt häufig auf der Strecke

Standest Du eben noch auf der Bühne und verspürtest einen besonders „magischen“ Moment mit Deinen Mitmusikern und würdest Sie alle am liebsten danach umarmen und garnicht mehr loslassen, so findest Du Dich schneller als Du denkst allein im Hotelzimmer wieder und starrst an die Decke!

Ich denke bei WIRKLICH populären Menschen ist das sogar noch extremer. Die werden den ganzen Tag von Leuten belagert und jeder zupft ihnen am Rockzipfel und plötzlich sind Sie ganz alleine im eben besagten Hotelzimmer, wo die Stille sie erdrückt.

hmmm….Denkt mal drauf rum.

Ein weiterer Trugschluss ist die sog. „Arroganz“ von uns Musikern, weil wir nach der Show so kurz an sind bzw plötzlich garnicht mehr soooo gesellig. Nun, dass hat überhaupt garnichts mit Arroganz zu tun. Ich kann zwar nur für mich sprechen, aber für mich sind hier zwei Aspekte ausschlaggebend. Und ich denke, mit mindestens dem Ersten können sich dreiviertel aller Musiker identifizieren.

On stage

1. I.d.R. sind oft mehr als 12 Stunden vergangen, vom Zeitpunkt des Reiseantritts zum Gig, bis zum Ende des Konzertes. Oft und meistens sogar mehr. Nach 2 x 60 min Vollgas auf die Nuss ist man auch einfach erschöpft und müde. Und auch wenn es furchtbar lieb gemeint ist von den meisten Protagonisten, die einem auf die Schulter klopfen, ob der gelungenen Performance.

So wie sie einen in „ich spiel auch Gitarre“ -Dialoge verwickeln wollen, so will ich in den meisten Fällen einfach nur meinen Kram abbauen und maximal noch n Drink mit meinen „portionierten Freunden“ (cleveres Zitat aus „fight Club“) aka Mitmusikern an der Hotelbar nehmen. Natürlich werden oberflächliche Nettigkeiten ausgetauscht und Hände geschüttelt, aber tatsächlich will ich i.d.R. einfach nur meine Ruhe haben.

Klar, oft wird einem dieses „Desinteresse“ was eigentlich garkeins ist, als Arroganz ausgelegt. Damit hat das aber überhaupt garnichts zu tun.  Wenn Ihr also beim nächsten Konzert auf Euren Lieblingsmusiker des Abends zustürmt und ihm von euren bisherigen 3 Stunden Klavierunterricht erzählen wollt um Euch zu verbrüdern um ihn als neuen „Kollegen“ zu gewinnen (Hey, bist Du auch bei Facebook???) dann führt Euch das o.g. nochmal zu Gemüte:

2. Und hier sprech ich definitiv nur für mich persönlich. Wenn ich auf der Bühne stehe, dann ist das für mich oft bzw sogar meistens sehr emotional. Gerade in einer Band wie StreetLIVE, wo NICHTS nach Strickmuster läuft, muss man sich füreinander öffnen damit die Kommunikation funktioniert. Daraus resultiert unsere so oft gelobte Spontanität und frische Energie und genau deshalb klingt der gleiche Song jedes Mal anders. Ich für meinen Teil bin also komplett „offen“ und sauge dass auf, was um mich herum passiert und spiele mir zugeworfene Bälle zurück und fang sie wieder auf. Das ist tatsächlich intensiver, als es sich die meisten vorstellen können.
Noch extremer bei meiner eigenen Musik:
Was die Leute da geboten bekommen, ist nicht ein Sammelsurium 90-120 Minuten Geklimper. In meinem Fall sind das 37 Jahre Erfahrung, davon 28 Jahre als Gitarrist, tausende Stunden üben, üben, üben, Rückschläge, Erfolge, Erlebnisse, Momente, Tränen, Lachen, Durchbeissen, Kämpfen, Fallen, wieder aufstehen… Alles, was mich zu dem gemacht hat, was und wer ich heute bin.

Musik ist eine sehr intime und intensive Ausdrucksform

Das ist für mich so unfassbar intim und intensiv, dann meine eigenen Songs zu performen, die aus Alldem eben genannten entstanden sind. Und ich weiss, dass andere Musiker ähnlich emotional an Ihre eigenen Songs gebunden sind. Und wenn ich dann von der Bühne komme, schiessen mir Millionen von Gedanken durch den Kopf über das eben erlebte.  Ich kann verstehen, dass Alle, die meinetwegen gekommen sind, ihren kurzen Moment mit mir haben wollen und mal kurz „Hallo“ sagen. Aber für mich ist das fast schon eine Qual. Ich fühle mich, als hätte ich gerade eine OP am offenen Herzen durchgeführt und nach knapp 15 Stunden den Patienten endlich retten können. Am liebsten würde ich mich zumindest mal für ne halbe Stunde zurückziehen und erstmal niemanden sehen. Ihr seht, dass hat überhaupt nichts mit Arroganz zu tun, sondern einfach mit der Leidenschaft eines Künstlers. Darum urteilt nicht so hart, wenn irgendein Musiker nach einer anstrengenden Show nicht sofort ein Selfie mit Euch macht und nicht sofort das von Euch ausgegebene Bier überschwenglich mit euch ext´:)

Ich hoffe, Ich konnte Euch dahingehend ein wenig mehr sensibilisieren und die Augen öffnen, dass „Dein Leben möchte ich haben…Du hast ja iiiiiiimmer Party“ nicht wirklich der Realität entspricht.

Wir Alle lieben unseren Beruf, aber dafür zahlen wir auch einen hohen Preis. Dafür muss man einfach geboren sein.

Bis zum nächsten Mal, dann wirds auch wieder lustiger…versprochen 🙂

Euer Chris

2018-03-15T15:24:53+00:00